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Land & Leute · Musik & Kunst

Morna, Funaná & die Seele der Kapverden.

Kaum ein anderes kleines Land hat der Welt eine so eigenständige Musiktradition geschenkt: Die melancholische Morna wurde 2019 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt, ihre bekannteste Stimme Cesária Évora holte 2004 einen Grammy nach Mindelo. Daneben existieren mit Coladeira, Funaná und Batuque drei weitere, ganz eigene Genres - eines davon, Funaná, war bis zur Unabhängigkeit 1975 unter portugiesischer Kolonialherrschaft schlicht verboten.

2019Morna als UNESCO-Kulturerbe
4Haupt-Musikgenres
2004Grammy für Cesária Évora
bis 1975Funaná kolonial verboten
Steckbrief

Musik & Kunst auf einen Blick.

UNESCO-Status
✓ Verifiziert
Morna seit 11. Dezember 2019 Immaterielles Kulturerbe der Menschheit
Bekannteste Stimme
Cesária Évora (1941-2011), "Barfüßige Diva", Grammy 2004
Erster Morna-Dichter
Eugénio Tavares (Brava, 1867-1930), schrieb in Kriolu
Prägendster Komponist
B.Léza (Francisco Xavier da Cruz, 1905-1958), Onkel Cesária Évoras
Funaná-Ursprung
Santiagos Bergregion, 19./frühes 20. Jh., geprägt von den Badiu
Funaná-Verbot
von der portugiesischen Kolonialmacht bis zur Unabhängigkeit 1975 unterdrückt
Batuque
traditionell von Frauen getragene Musiktradition auf Santiago, Percussion mit Stoffbündel (Tchabeta) statt Trommel
Hauptinstrumente
Cavaquinho, Violão, Gaita (Akkordeon), Ferrinho
Musikgenres

Vier Genres, vier Geschichten.

Morna, Coladeira, Funaná und Batuque klingen grundverschieden - und erzählen jeweils ein eigenes Kapitel kapverdischer Geschichte.

UNESCO-Kulturerbe seit 2019

Morna

Langsam, in Moll gehalten und poetisch - die Nationalmusik der Kapverden, meist mit Gitarre, Violine, Zehnsaiten-Gitarre oder Cavaquinho begleitet. Themen sind Liebe, Abschied, Sehnsucht und die Heimat (Sodade). Als erster bedeutender Morna-Dichter gilt Eugénio Tavares aus Brava, als prägendster Komponist des 20. Jahrhunderts B.Léza (Francisco Xavier da Cruz) - dessen Geburtstag, der 3. Dezember, im Zuge der UNESCO-Bewerbung zum offiziellen Nationalen Morna-Tag erklärt wurde.

Entstanden 1930er

Coladeira

Ging der Überlieferung nach aus einer bewusst beschleunigten Morna hervor - der Komponist Anton' Tchitch' gilt als Urheber. Wurzeln in Santiago und São Vicente, heute auf allen Inseln verbreitet: heiterer Ton, variables Tempo im 2/4-Takt, oft mit Sozialkritik, seit den 1960ern auch mit elektrischen Instrumenten.

Bis 1975 verboten

Funaná

Entstand im 19./frühen 20. Jahrhundert im Bergland Santiagos, geprägt von den Badiu, mit Akkordeon (Gaita) und der geschabten Eisenstange Ferrinho. Den Kolonialherren galt Funaná als zu subversiv und "zu afrikanisch" und wurde verboten - Verstöße konnten Gefängnis nach sich ziehen. Nach der Unabhängigkeit 1975 holte die Band Bulimundo um Carlos "Catchás" Martins das Genre in den 1980ern mit E-Bass und Schlagzeug aus dem Untergrund.

Traditionell von Frauen getragen

Batuque (Batuko)

Entstand unter Feldarbeiterinnen auf Santiago, denen die Kolonialmacht Trommeln verbot - sie improvisierten mit der Tchabeta, einem festgerollten Stoffbündel zwischen den Beinen. Call-and-Response-Gesang in zwei Formen: die spielerische Sambuna und die improvisierte, existenzielle Finaçon. Historisch und bis heute überwiegend von Frauen getragen (seit 2021 gibt es einen offiziellen "National Batuque Day" zu ihren Ehren), während zunehmend auch jüngere Männer das Genre für sich entdecken. Heute werden die Bündel oft aus Plastiktüten statt Stoff gerollt.

Die Instrumente dahinter

Der kapverdische Cavaquinho hat einen größeren, tieferen Korpus als sein portugiesisches Vorbild und übernimmt in akustischen Ensembles meist die rhythmische Führung. Dazu kommen der Violão (Gitarre), in der Funaná die diatonische Gaita (Akkordeon) und der Ferrinho, eine Eisenstange, die mit einem zweiten Metallobjekt rhythmisch geschabt wird.

Ikone

Cesária Évora - die Barfüßige Diva.

Geboren am 27. August 1941 in Mindelo, gestorben am 17. Dezember 2011 ebenda: Cesária Évora ist bis heute die international bekannteste Stimme der Kapverden. Sie sang schon als Kind, nachdem ihr Vater - selbst Musiker - starb, als sie sieben war, und trat als junge Frau regelmäßig in den Bars ihrer Heimatstadt Mindelo auf. Den internationalen Durchbruch erlebte sie erst mit fast 50 Jahren, mit dem Album "La Diva Aux Pieds Nus" (1988). Ihren Spitznamen "Barfüßige Diva" verdankt sie ihrer Gewohnheit, häufig ohne Schuhe auf der Bühne zu stehen.

2004 gewann sie den Grammy Award für das beste zeitgenössische World-Music-Album mit "Voz d'Amor", ihrem neunten Studioalbum. Viele ihrer bekanntesten Morna-Stücke stammten von ihrem Onkel B.Léza. Nach einer Herz-Operation zog sie sich im September 2011 von der Bühne zurück und starb wenige Monate später an akutem Herz-Kreislauf-Versagen - als die Musikerin, die Morna und damit die Kapverden einem Weltpublikum bekannt gemacht hat.

Neue Generation

Nach Cesária Évora - drei Stimmen.

Rund ein Jahrzehnt nach Cesária Évoras internationalem Durchbruch trugen drei jüngere Sängerinnen die kapverdische Musik mit zeitgenössischen Einflüssen weiter in die Welt hinaus. Mayra Andrade, 1985 in Havanna als Tochter kapverdischer Eltern geboren, startete ihre Karriere in Paris, nachdem sie mit 16 Jahren bei den "Jeux de la Francophonie" in Kanada eine Goldmedaille als beste Sängerin gewonnen hatte; ihr Debütalbum "Navega" (2006) verwurzelt sich stark in kapverdischer Tradition, für ihre Alben erhielt sie 2007 und 2009 den deutschen Schallplattenkritikpreis. Lura, 1975 in Lissabon geboren, hatte 2004 mit "Di Korpu ku Alma" ihren Durchbruch und verbindet kapverdische Wurzeln mit Jazz- und Soul-Einflüssen. Sara Tavares vervollständigt das Trio einer Generation, die das musikalische Erbe der Inseln mit zeitgenössischen Klängen modernisiert.

Bildende Kunst

Malerei & Kunsthandwerk.

Neben der Musik hat sich auf den Kapverden auch eine eigenständige bildende Kunstszene entwickelt. Zu den bekanntesten Namen zählen der Maler Manuel Figueira sowie Carlos "Tchalê" Figueira (geb. 1953 in Mindelo), der 1970 mit 17 Jahren nach Europa ging, von 1974 bis 1985 an der Schule für Gestaltung in Basel studierte und danach auf die Kapverden zurückkehrte - sein Stil gilt als nahezu surrealer Expressionismus mit impulsiven Pinselstrichen und kräftigen Farben. Daneben prägen Künstlerinnen wie Barros-Gizzi und Maria-Luisa Queirós die zeitgenössische Szene. Beim traditionellen Kunsthandwerk sind gehäkelte Decken, Holzarbeiten, Batik, Stickereien und geflochtene Körbe verbreitet.

Zentrale Anlaufstelle für Kunst und Design ist das CNAD (Centro Nacional de Artesanato e Design) in Mindelo auf São Vicente - ein 2022 eröffnetes Kulturzentrum mit einer markanten Fassade aus tausenden bunt bemalten, recycelten Fasstrommeln, mehr dazu im São-Vicente-Guide.

Autor: Michael Krautwald · Zuletzt geprüft: 13.10.2026
Quellen & Stand dieser Seite
  • Morna-UNESCO-Eintragung (11.12.2019, UNESCO-ICH-Entscheidung 14.COM 10.B.8): Wikipedia/Global Voices/UNESCO ICH.
  • Biografien von Cesária Évora (geb./gest. Mindelo, Grammy 2004 für "Voz d'Amor"), Eugénio Tavares (Brava, 1867-1930), B.Léza/Francisco Xavier da Cruz (Mindelo, 1905-1958), Mayra Andrade (Havanna 1985) und Lura (Lissabon 1975): gegengeprüft gegen UNESCO ICH, Al Jazeera, Britannica und Fachquellen.
  • Nationaler Morna-Tag: B.Lézas Geburtstag (3. Dezember) ist seit der UNESCO-Bewerbung offizieller Nationaler Morna-Tag - neu ergänzt.
  • Funaná-Unterdrückung bis 1975 (ergänzt 17.10.2026): mehrere unabhängige musikhistorische Quellen bestätigen reale Konsequenzen (Geldstrafen, Festnahmen, Verhöre, Geheimpolizei-Überwachung von Veranstaltungen) - ein einzelnes, namentlich benanntes Kolonialgesetz mit "Funaná-Verbot" konnten wir nicht auffinden. "Verboten" ist angesichts der dokumentierten Strafverfolgung als Beschreibung vertretbar, auch ohne Nachweis eines einzelnen Erlasses.
  • Batuque "reine Frauentradition" (präzisiert 17.10.2026): historisch und bis heute überwiegend von Frauen getragen (daher seit 2021 ein offizieller "National Batuque Day" zu ihren Ehren), aber nicht exklusiv - Männer beteiligen sich traditionell am Klatschen/Instrumenten, und jüngere Männer (z.B. der Musiker Tcheka) adaptieren das Genre zunehmend selbst. "Reine" war zu absolut formuliert.
  • Verwandtschaftsverhältnis B.Léza - Cesária Évora (korrigiert 27.10.2026): B.Léza war Cesária Évoras Onkel, nicht ihr Cousin, wie zuvor auf dieser Seite zweimal fälschlich angegeben - bestätigt u. a. durch Wikipedia-Quellenlage zu beiden Personen.
Häufig gefragt

Fragen zu Musik & Kunst.

Was ist Morna?

Die Nationalmusik der Kapverden - langsam, in Moll, poetisch, meist mit Gitarre begleitet. Themen sind Liebe, Abschied und Sehnsucht nach der Heimat. Seit dem 11. Dezember 2019 ist Morna als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit von der UNESCO anerkannt.

Wer war Cesária Évora?

Die international bekannteste kapverdische Sängerin (1941-2011), geboren und gestorben in Mindelo. Bekannt als "Barfüßige Diva", gewann sie 2004 einen Grammy für "Voz d'Amor" und machte Morna weltweit bekannt.

Warum war Funaná lange verboten?

Die portugiesische Kolonialmacht empfand Funaná als zu subversiv und zu stark mit afrikanischer Identität verbunden und verbot das Genre bis zur Unabhängigkeit 1975. Erst danach, vor allem durch die Band Bulimundo in den 1980ern, wurde es offen wieder gespielt und modernisiert.

Was ist der Unterschied zwischen Morna und Coladeira?

Coladeira entwickelte sich in den 1930ern aus einer bewusst beschleunigten Morna - sie ist schneller, heiterer im Ton und tanzbarer, oft mit Sozialkritik im Text, während Morna langsam, melancholisch und poetisch bleibt.

Was ist Batuque?

Eine traditionell von Frauen getragene Musiktradition aus Santiago mit Call-and-Response-Gesang, bei der statt verbotener Trommeln ein festgerolltes Stoffbündel (Tchabeta) als Percussion-Instrument dient. Sie unterteilt sich in die spielerische Sambuna und die improvisierte Finaçon.

Wo kann man traditionelle Musik live erleben?

Am authentischsten in den Live-Musik-Bars von Mindelo auf São Vicente, wo Morna, Coladeira und Funaná abends fester Bestandteil des Alltags sind - kein Touristen-Showprogramm, sondern gelebte Kultur.

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